Der lange Weg nach Corcovado

Schwer zugaenglich, aber die Muehe lohnt sich. Das sagt mein Reisefuehrer kurz zusammengefasst ueber den Corcovado Nationalpark. Und das stimmt auch in jeder Hinsicht.

Die Fahrt mit dem Bus von San Jose nach Puerto Jimenez dauert acht Stunden. Von da aus sind es nochmal zwei Stunden Autofahrt. Mit dem Gelaendewagen bitte, denn die zweite Haelfte der Strecke fuehrt durchs Gelaende – und einige Fluesse. Ja, und dann ist man in Bahia Drake. Einer Bucht mit einigen Hotels, Laeden, einer Schule und einigen Restaurants bzw. Sodas. Das ist quasi der Endpunkt Zivilisation. Von da aus geht es dann nur noch mit dem Boot weiter. Halbe Stunde zur Rangerstation San Pedrillo oder 50 Minuten zur Insel Caño. Macht insgesamt 11 Stunden Reisezeit. Das ist wohl das, was mein Reisefuehrer als “unzugaenglich” bezeichnet.

Und das ist nur die Theorie. Die Praxis ist erst einmal, dass man diese Tour nicht an einem Tag schafft. Wir sind also zu dritt bis Puerto Jimenez mit dem Bus gefahren. Dann hiess es in der Reisebeschreibung unserer Sprachschule: Geht zum Oficina MINAE, dort werdet ihr uebernachten und am naechsten Tag zu euren Stationen im Nationalpark gebracht. Zu welchen Stationen wir sollten, wussten wir natuerlich nicht. Aber wir wuerden schon irgendwo ankommen. Was in unseren Unterlagen fehlte, war die Wegbeschreibung zu genanntem Buero. Aber wir koennen ja alle spanisch und alle Leute, die einem begegnen, sind sehr hilfsbereit. Und so waren etwa eine halbe Stunde spaeter bei ueber 30 Grad da. Und ohne Hilfe (wir wurden bis vor die Tuer gebracht) haetten wir es wohl auch nicht gefunden.

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Sieht jemand ein Schild, auf dem steht, dass das MINAE ist? Rhetorische Frage.

MINAE ist sozusagen die Verwaltung des Nationalparks und in diesem Gebaeude wohnt auch der zustaendige, freundliche und etwas wunderliche Beamte. Er begruesste uns freundlich und sprach ein spanisch, das wir alle drei kaum verstanden. (Eine weitverbreitete Eigenart unter Corcovado-Rangern, jedenfalls sollten wir auch mit allen weiteren diese Verstaendigungsprobleme haben.) Das einzige was ich jeweils mitbekam aus der Salve von spanisch war jeweils das Ende: wenn ihr Fragen habt – con mucho gusto. Und ein breites Grinsen.

Man kann bei MINAE tatsaechlich regulaer uebernachten. Auch das weiss mein Reisefuehrer. Die Praxis widerum war, dass der gute Mann seine Schluessel nicht beisammen hatte. Im zwanzigsten Versuch gelang es ihm eins der Gaestezimmer zu oeffnen – mit einem Bett. Es blieb auch bei diesem Erfolg. Es gab noch eine zweite Matratze in dem Zimmer, bzw. ein zwei Meter langes Stueck Schaumstoff mit dem man vielleicht noch ein Gartenhaus isolieren koennte. Und so wurde beschlossen, dass das Zimmer fuer uns Maedels sei. Immerhin, es gab einen Ventilator. Das Zimmer, in dem M. schlafen musste, habe ich nicht gesehen. Und er wollte nicht darueber reden. Und spaeter auch nicht ins Bett gehen.

Unser Gastgeber war manchmal etwas seltsam. Oder er hatte einen seltsamen Humor, den wir nicht verstanden, weil wir ueberhaupt nur Bruchstuecke verstanden. Jedenfalls lachte er immer herzlich (irre) ueber seine Antworten auf unsere Fragen. Und wenn wir weitere Fragen haetten – con mucho gusto. Etwas hilflos beschlossen wir einfach so zurecht zu kommen. Wir gingen Fruehstueck kaufen und Abendessen. Puerto Jimenez hat die Atmosphaere einer Kleinstadt aus einem amerikanischen Western. Nur ohne Pferde. Aber das mag vor allem an dem wuestenartigen Klima und den sandigen Strassen liegen. Und es hat, obwohl so klein, einen Flughafen direkt hinter MINAE. Als wir zurueck in unser Domizil kamen, waren da zu unserer Ueberraschung lauter Maenner in Tarnkleidung mit Gewehren. Sicherheitsleute des Flughafens. Jedenfalls moechte ich glauben, dass sie das waren. Fragen wollte ich nicht mehr. Irres Lachen mit Gewehr waere zuviel gewesen.

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Am naechsten Tag erreichten wir dann aber, nach zwei Stunden auf der Ladeflaeche eines Pickups, problemlos unser Ziel: die Insel Caño.

Ich weiss nicht, ob es fuer Aussenstehende offensichtlich ist – mich war es das nicht – aber die Rueckfahrt sollte nicht besser werden. Aber zwischendurch kam noch der Teil fuer den sich die Reise gelohnt hat.

 

6 Gedanken zu „Der lange Weg nach Corcovado

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  2. MuP

    Puh, na da wird uns beim lesen andauernd heiß und kalt . Und dann kommt die Dankbarkeit, dafür dass alles gutgegangen ist. Ein kleines bisschen sind wir froh, dass wir diese Erlebnisse immer erst im Nachhinein erfahren … :-) und wir bemühen uns sehr, deine Schutzengel bei Laune zu halten…

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    1. melli Artikelautor

      Es ist in echt nicht so schlimm, wie es sich liest. Aber dann wechseln wir mal lieber schnell das Thema… Tiere funktionieren immer, sagt die Fernsehforschung.

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  3. M

    Gewehre?! Pass auf, dass deine Mama das nicht liest. ;) Liebe Grüße an dieser Stelle! :)

    Ich fahre heute ZUG, du erinnerst dich? Diese komfortablen (okay, das ist gelogen, es ist eine Regionalbahn) Röhren mit SITZEN und HEIZUNG, die uns PÜNKTLICH (okay, auch das stimmt nicht immer….) von A nach B bringen? :)

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    1. melli Artikelautor

      alleine Heizung ist mir ein Fremdwort. Zuege sind etwas, dass es in Mittelamerika einfach nicht gibt. Habs auch nicht vermisst. BUSSE sind hier das Verkehrsmittel nach ueberall. Intakte Bandscheiben empfohlen…

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    2. MuP

      Zu spät – natürlich haben wir es sofort gelesen – und das blanke Entsetzen steht uns noch im Gesicht … :-) Lieben Gruß zurück!

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